Ruhr 2010 - Mehr Schein als Sein?
Kulturhauptstadt - Was soll das?Grundsätzlich steckt hinter der Idee, jährlich den Titel Kulturhauptstadt zu vergeben, Folgendes: Menschen aus aller Welt sollen die Möglichkeit haben, kulturelle Gemeinsamkeiten mit anderen Ländern festzustellen und vor allem erleben zu können. Dies ist letztlich an das Interesse, ein besseres Verständnis der Bürger Europas untereinander herzustellen, geknüpft. Die Wirtschaft soll schlichtweg angekurbelt werden, sprich es sollen Gelder fließen, während den Menschen gleichzeitig etwas für ihr Geld geboten wird. Besonders die Vielfalt von Ruhr2010, die ich im Folgenden noch genauer beschreiben werde, steht dabei im Vordergrund. Diese facettenreichen Seiten der diesjährigen Kulturhauptstadt sollen gewährleisten, dass das Ruhrgebiet auch nach dem Projekt Ruhr2010 noch gerne besucht und als positiv wahrgenommen wird. Letztlich hängt der Erfolg einer Kulturhauptstadt nämlich nicht von einzelnen Einnahmen oder Prachtbauten ab, sondern von dem Schub, den sie einer Stadt auf Dauer geben kann. Kurzzeitiges Schaffen von Arbeitsplätzen in Bezug auf die Planung, die Umsetzung und auch das Bauen von Attraktionen oder Bauwerken bezüglich des Projektes Ruhr2010 sind zwar keineswegs schlecht, aber es ist die Nachhaltigkeit, die zählt und die größte Rolle spielen sollte, es aber leider nicht tut.
Der Weg zur Kulturhauptstadt
"Essen für das Ruhrgebiet" lautet der Slogan, mit dem seit Anfang des Jahres geworben wird. Doch wie kam es dazu? Wie wurde Essen die diesjährige Kulturhauptstadt? Bereits 2001 kam in einer Konferenz der Kultur-Beigeordneten des heutigen RVRs (Regionalverband Ruhr) die Idee auf, das Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt zu bewerben. Da die Auflagen der Europäischen Union allerdings nur die Bewerbung einer Stadt und nicht einer ganzen Region zulassen, wurde kurzerhand Essen - als Repräsentant des Ruhrgebietes - als Kulturhauptstadt vorgeschlagen und einstimmig von der Verbandsversammlung auserwählt.
Dann hieß es: Kämpfen! Schließlich wollte sich nicht bloß Essen diesen "Traum" ermöglichen, sondern auch viele andere deutschen Städte. Es ist bemerkenswert, dass sich Essen auf Landesebene gegen Münster und sogar Köln durchsetzen konnte. Selbst auf Bundesebene wurde die nordrhein-westfälische Stadt eindeutig von zwei Experten-Kommissionen, die alle zur Auswahl stehenden Städte gemeinsam besichtigt hatten, auserwählt und Städten wie beispielsweise Bremen, Potsdam, Kassel oder Regensburg vorgezogen.
Zusammen mit Görlitz gelang es Essen schließlich, in die Endrunde nach Brüssel zu gelangen, wo sich beide Städte im April 2006 vor einer Europa-Jury zu behaupten hatten. Und Essen siegte! Sicherlich hat bei der Einsendung der Bewerbung niemand damit gerechnet, dass sich Essen gegen alle anderen Städte durchsetzen könnte. Doch die Bewerbungskampagne "Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel" konnte die Juroren letztlich vollstens zufrieden stellen. Besonders von den Selbstheilungskräften der alten Industrieregion, als welche wir das Ruhrgebiet noch in Erinnerung haben, sowie den kulturellen Leistungen und Perspektiven waren alle sehr angetan. Alles in allem konnten die Vorhaben als wegweisend für ein zusammenwachsendes Europa gewertet werden, sodass die Wahl Essens als Kulturhauptstadt von den Juroren als absolut richtig angesehen werden konnte.
Da nie nur eine Stadt als Kulturhauptstadt des Jahres zählt, tragen den Titel dieses Jahr neben Essen und dem Ruhrgebiet auch die ungarische Stadt Pécs und die türkische Metropole Istanbul, welche alle Nicht-EU-Länder vertritt.
"Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel" - Das Programm
Die drei Leitthemen, die Ruhr2010 das ganze Jahr lang begleiten werden, lauten folgendermaßen: Mythos, Metropole und Europa. Außerdem ist das Programm in sechs Programmfelder eingeteilt, welche ebenfalls von diesen Leitthemen beeinflusst werden. Alle Besucher sollen "Bilder entdecken", "Theater wagen", "Musik leben", "Sprache erfahren", "Kreativwirtschaft stärken" und "Feste feiern", was bedeutet, dass die unterschiedlichsten Attraktionen auf alle "Ruhrpott-Besucher" warten. Und wo? Das ganze Jahr lang präsentiert sich Essen als Kulturhauptstadt, doch auch die umliegenden größeren Städte bleiben nicht unberücksichtigt: Jeden Monat präsentiert sich zusätzlich zu Essen eine weitere Stadt von ihrer schönsten Seite.
Hier einmal ein paar kleine Erläuterungen zu den bereits genannten Rubriken des Jahresprogramms: Im Fokus des Programmfeldes "Bilder entdecken" stehen die historischen, gegenwärtigen und sogar die neu entstehenden Bilder des Ruhrgebietes, jedoch sind auch etliche internationale Kunstwerke ausgestellt, die den Zusammenhalt aller Menschen fördern sollen. Außerdem werden dort selbst die zwanzig RuhrKunstMuseen mit ihrem Ausstellungsprojekt "Mapping the Region" vorgestellt. Ein weiterer Teil des Programms lautet "Theater wagen". Alle Hemmungen, nicht mit etwas Unbekanntem konfrontiert werden zu wollen, sollen hierbei genommen werden. Tanz verbindet! Viele Events bieten hierbei die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden und alle Trennlinien zwischen Milieus, Generationen, Sprachen und Kulturen vergessen zu können. Ein weiteres thematisiertes Gebiet wird durch "Musik leben" dargestellt. Die Konzerte und Initiativen wie zum Beispiel "Jedem Kind ein Instrument" machen das Thema zu etwas ganz Besonderem. Eine weitere Rubrik: "Sprache erfahren". Ob es nun weltweit 6.000 oder 7.000 Sprachen gibt, eine Antwort ist unwichtig. Was jedoch wichtig ist: Die Sprache ist das Hauptmedium der Menschheit. Da Menschen der verschiedensten Länder in die Kulturhauptstadt reisen, spielt sie außerdem eine ganz Besondere Rolle, da die Kommunikation das "A und O" unserer kleinen, aber feinen Welt ist. "Kreativwirtschaft erleben" stellt eine weitere Rubrik dar: Der Austausch zwischen Kulturschaffenden, Kulturträgern, Kulturbetrieben und Wirtschaftsbetrieben gewisser Branchen und deren Kunden ist gerade deshalb so wichtig, weil die Zukunft im Vordergrund steht. Was für Attraktionen diesbezüglich auf euch zu kommen (können)? Lasst euch überraschen! Großveranstaltungen wie die "Loveparade" sind sicherlich jedem bekannt und können eine Region durchaus sehr bekannt machen, doch dieses Jahr gibt es quasi jeden Tag etwas zu feiern, also nutzt es aus. Alles in allem rundet dieser letzte Programmpunkt "Feste feiern" das Ganze gelungen ab.
Eines der größten Events wird dabei am 18. Juli 2010 stattfinden: Still-Leben Ruhrschnellweg. Es handelt sich dabei um das Stilllegen eines 60km langen Abschnittes der Autobahn A40/B1 in beide Fahrtrichtungen, um die längste Tafel der Welt mit etwa 20.000 Tischen in kürzester Zeit aufbauen zu können. Lediglich per Rad oder zu Fuß wird die Strecke am besagten Tag von 11 bis 17 Uhr nutzbar sein und es wird einfach eine riesig große Begegnungsstätte der Kulturen, Generationen und Nationen sein. Das dürft ihr nicht verpassen, denn ob Rockband oder Kirchenchor, Taubenzüchter oder Fußballverein, Skatclub oder Hip-Hopper, Sportverein oder Stammtisch, am 18. Juli wird für jeden etwas dabei sein.
Auch der 22. Mai 2010 dürfte von den Touristen nicht mehr vergessen werden: Gegen Mittag steigen 311 gelbe mit Helium gefüllte Ballons in den Himmel auf und zwar überall dort, wo früher Zechenschächte positioniert waren. Damals äußerte der deutsche Journalist Fritz Pleitgen den Satz "Macht mal ein schönes Bild aus dem Weltraum" und so entstand letztlich diese Idee. Dank 155 Ballonpaten und etwa 2000 freiwilligen Helfern kann die Aktion nur ein glatter Erfolg werden, der sicherlich für mächtigen Spaß sorgen wird.
Ein weiteres Highlight ist außerdem das Projekt Ruhr-Atoll 2010. Noch bis Ende September werden auf dem Baldeneysee und der Ruhr Kunst-Objekte präsentiert. Sechs bis zu 300m² große Inseln schwimmen auf diesem See und der Ruhr, wobei drei davon sogar begehbar sind. Im Rahmen eines Bootsparcours (Tret- und Ruderboote) wird den Besuchern der Zugang möglich gemacht und lassen sie somit aktiv an dem akzentsetzenden Projekt, das gemäß dem Motto "Kunst ist Energie – Energie ist Bewegung" eine Vernetzung von Kunst und Energie darstellt, teilnehmen. Da die drei begehbaren Atolle nur von jeweils vier bzw. acht Personen gleichzeitig betreten werden dürfen, ist eine frühzeitige Reservierung unbedingt empfohlen.
Rückblick auf vergangene Jahre
Nachdem 2007 Sibiu (Rumänien) und Luxemburg, 2008 Liverpool (Großbritannien) und Stavanger (Norwegen) und 2009 das österreichische Linz, sowie die litauische Hauptstadt Vilnius als Kulturhauptstädte gewählt wurden, betrifft es nun auch unser Land. Da bietet es sich besonders einmal an, das vergangene Jahr zu betrachten. Wie nachhaltig war das letzte Projekt - "Linz09" - wirklich? Nachweislich besuchten etwa 3,4 Millionen Menschen Veranstaltungen von Linz09. Im vergangenen Jahr soll es sogar einen 9,5 prozentigen Zuwachs an Übernachtungen in dem betroffenen Gebiet gegeben haben. Selbstverständlich spricht dies für einen großen Erfolg des Projektes. Die Wirtschaftskrise konnte damit sicherlich abgefedert werden, doch wie sieht das Ganze nun aus? Im vergangenen Jahr fand Linz09 in über 2.600 nationalen und internationalen Medien und etwa 20.000 Beiträgen Erwähnung. Dabei sollte jedoch beachtet werden, dass genau solche Erwähnungen den "Boom" fördern - jedoch nicht auf Dauer! Wen interessiert Linz09 dieses Jahr noch? Ist es nicht viel interessanter, jedes Jahr etwas Neues zu erleben? Das Jahr 2010 ist da und soll die Menschen zu Ruhr2010 locken. Oberösterreich wünscht sich selbstverständlich eine Beständigkeit der Besucherzahlen etc., jedoch ist diese nicht gewährleistet. Es müssten dauerhaft jedes Jahr Gelder in das irgendwann veralterte Projekt Linz09 investiert werden, um immer wieder neue und auch die alten Besucher erneut in die Stadt zu locken. Etwas, was man schon kennt, ist oft uninteressant und genau hier liegt das Problem! Es wird massig Werbung für Ruhr2010 gemacht. Das ist gut für Essen, aber gleichzeitig schlecht für Linz und meines Erachtens liegt darin der springende Punkt: Momentan wird das Ruhrgebiet wiederbelebt. Tausende Touristen besuchen Nordrhein-Westfalen. Und nächstes Jahr sind sie weg! Denn schließlich steht bereits fest, dass nächstes Jahr Turku, an der Südwestküste Finnlands gelegen, zusammen mit Tallinn, der Hauptstadt Estlands, den Titel Kulturhauptstadt tragen wird. Dadurch wird das Projekt Ruhr2010 mit einer großen Wahrscheinlichkeit an Attraktivität verlieren. Die fest eingeplante Nachhaltigkeit, die der Ansporn für die Ausgaben all der vielen Gelder war, ist somit nicht gewährleistet. Dennoch bleibt es abzuwarten, wie es im kommenden Jahr um Essen und das Ruhrgebiet stehen wird.
Innovationszentren als Wirtschatförderung
Wenn die Wirtschaft den Bach runter geht, muss schnell gehandelt werden. Ein Konzept muss her, damit möglichst schnell wieder Gelder fließen. So entstand die Idee der Innovationszentren. Man hat sich darunter Institutionen vorzustellen, die zur regionalen Wirtschaftsförderung beitragen sollen. Zudem spezialisieren sich alle Zentren auf ein bestimmtes Gebiet, arbeiten letztlich aber Hand in Hand. Aktuell existieren etwa 800 Innovationszentren weltweit, wovon etwa die Hälfte in Deutschland platziert ist.
Die Medien vermarkten die Zentren mit Sprüchen wie "Zukunft hat, wer Zukunft macht" oder "Raum für innovative Ideen", doch auch hier bleibt die Objektivität erneut aus. Die Zentren sollen möglichst gut vermarktet werden und werden deshalb von den Medien ins rechte Licht gerückt. Anlässlich Ruhr 2010 wurden einige neue Innovationszentren errichtet. Und wer zahlt? Die Steuerzahler! Und als wirtschaftsfördernde Maßnahme erzeugen die Zentren Summen, die so schnell nicht einmal wieder eingenommen werden können. Die Gelder Kosten fließen schließlich erst zurück, wenn sich die geförderten Unternehmen am Markt etablieren können und die investierten Gelder durch Erfolge zurückgeführt werden.
Was genau sollen die Innovationszentren eigentlich bewirken bzw. welche Erfolge sind beabsichtigt? Die Frage lässt sich eigentlich recht einfach beantworten: Innovationszentren sollen ein Zusammenspiel der Komponenten "Industrie", "Forschung" und "Gewerbe" darstellen und letztlich eine gesunde Wirtschaftstruktur leichter möglich machen. Dabei sind sinkende Arbeitslosenquoten genauso wichtig wie die Qualifizierung von Arbeitskräften. Andere Ziele der Zentren sind beispielsweise die Unterstützung von technologieorientierten Unternehmensgründungen, die Bereitstellung einer geeigneten Infrastruktur, die Förderung der Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft und Vieles mehr. Konkrete Erfolge sind bisher jedoch ausgeblieben. Ob sich das im Laufe des Projektes Ruhr2010 noch ändert, bleibt auch offen. Allerdings klingen alle Ziele, die als Grundlage für Innovationszentren europaweit dienen, nicht konkret genug. Es gibt keine exakten Vorstellungen, die für uns zugänglich sind. Somit bleibt letztlich offen, was die "Förderung der Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft" oder Ähnliches konkret für uns bedeutet und welche Vorteile wir uns daraus erhoffen könnten. Sind Innovationszentren also ein Schritt in die Zukunft oder die reinste Verschwendung der eh schon knappen Geldmittel? Die Frage bleibt weiterhin offen.
Ruhr 2010 - Mehr Schein als Sein?
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Projekt Ruhr2010 durchaus ein großer Erfolg werden kann - aber nicht muss. Die besten Pläne, Umsetzungen und Ideen bringen die Wirtschaft nicht weiter, wenn der Erfolg nicht von Dauer ist. Dieses Jahr haben und werden noch viele tausende Touristen das Ruhrgebiet und besonders Essen besuchen kommen. Die Stadt kann sich nur von ihrer besten Seite zeigen und darauf hoffen, dass sich die Menschen auch später noch gerne an Ruhr2010 erinnern und einmal, zweimal oder gar viele Male wiederkehren. Alle Ausgaben rentieren sich letztlich nämlich nur dann, wenn sie sinnvoll eingesetzt werden konnten. Doch wie bei so Vielem, kann man nicht ahnen, ob sich eine Sache zum Guten oder Schlechten wendet. Bisher verläuft das Projekt jedenfalls spitze und man kann nur hoffen, dass dies in den Folgejahren so bleibt.
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16.05.2010 -
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